Historisches Ereignis am Kryptomarkt: The Merge ist da

16. September 2022 | Märkte | Update: 10/07/2023

Long Story Short

Heute, am 15. September 2022 kommt es zu einem Ereignis, dass die Kryptowelt verändern wird. Die Rede ist von „The Merge“, der Verschmelzung des Seitenlayers “Beacon“ mit dem Hauptlayer der Etherium-Blockchain. Klingt nicht spektakulär? Das mag auf den ersten Blick stimmen, auf den zweiten Blick hat die Verbindung der beiden Layer das Zeug, die Kryptowelt dauerhaft zu ändern.
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Bild: Canva / Yaroslav Danychenko

Von Proof-of-Work zu Proof-of-Stake

Sieben Jahre haben die Arbeiten an „The Merge“ gedauert, zahlreiche Rückschläge sorgten für Verzögerungen. Dass es sich bei dem Vorhaben um etwas mehr handelte, als eine neue Software auf den Heim-PC aufzuspielen, zeigt sich schon im schieren Umfang des Projektes: Die zweitbedeutendste Blockchain der Welt hat eine Größe von über 850 GB. Das gesamte Projekt bedeutete eine Operation am offenen Herzen dieses Kolosses aus Bits und Bytes. Ziel des Eingriffs: Die Umstellung von Proof-of-Work (PoW) zu Proof-of-Stake (PoS). Kurz gesagt, wird ein Schöpfungsprinzip neuer Blöcke (Mining) gegen ein anderes (Validieren) ausgetauscht.

Der wichtigste Effekt entkräftet gleichzeitig die schärfste Kritik an den Kryptos, den immensen Stromverbrauch. PoS verbraucht einen Bruchteil der Energie als die PoW-basierten Blockchains wie Bitcoin, für die im Jahr ca. 125 Terawattstunden aufgewendet werden muss. Der Verbrauch entspricht dem der Ukraine. Die negativen Umwelteffekte und die hohen Kosten zu minimieren, ist sicherlich einer der großen Vorteile des Merge. So schätzen Fachleute, dass sich der Stromverbrauch um 99,95 Prozent minimieren wird.

Ein Ereignis, dass die Kryptowelt verändern könnte

Ethereum ist nicht irgendein Player im Kryptokosmos und auch die Bezeichnung „zweitbedeutendste Blockchain hinter Bitcoin“ trifft nicht annähernd das Potenzial des Ökosystems. dApps, NFTs, Decentralised Finance, alle diese Produkte und Anwendungen sind Kinder dieser Blockchain. Schon alleine aufgrund ihrer Pionierleistungen und der Innovationen, die noch in Zukunft zu erwarten sind, ist der Nachhaltigkeitsgedanke wichtig. So haben Einzel- und institutionelle Anleger ein weiteres gutes Argument für ein Investment in Ethereum. Die Entwicklung der kommenden Monate wird zeigen, ob der minimalisierte Verbrauch nicht auch zum Gamechanger beim Kampf um die meisten Investoren mit Bitcoin werden kann.

Mehr Teilnehmer ansprechen

Die Teilnahme an der Schaffung neuer Blöcke ändert sich grundlegend; Rechenleistung wird gegen Anteile (Stakes) eingetauscht und damit völlig neue Voraussetzungen geschaffen. Der gesamte Prozess wird inklusiver. Vorher konnte sich nur der am Mining beteiligen, der die nötigen schnellen Rechner einsetzen kann und wir sprechen nicht von einem MacBook Pro mit schnellem Prozessor, sondern von Lagerhallen, in denen große Mengen von Hochleistungscomputern vierundzwanzig Stunden am Tag hochkomplexe Aufgaben lösen.

Zwar ist die Zugangsbedingung auch nicht eben leicht zu erfüllen: Wer Blöcke validieren möchte, muss mindestens 32 Ether - entsprechend 55.000 Euro - in den Pool geben. Allerdings können auch Anleger mit wesentlich kleinerer Wallet an dem Prozess teilnehmen. Staking Pools sammeln die Kryptos ein, investieren sie in den Validierungsprozess und garantieren den Kleinanlegern eine jährliche Rendite von ca. vier Prozent Zinsen. Je mehr Anleger auf diese Weise zusammenkommen, desto dezentraler wird das System und Dezentralität ist eine der Basisforderungen der Krypto-Philosophie.

Schneller, günstiger und skalierbarer

Die Ethereum-Blockchain ist, um es freundlich auszudrücken, etwas behäbig. Sie verarbeitet derzeit gerade mal 15 Transaktionen pro Sekunde. Dieser riesige Engpass soll durch den Merge beseitigt werden, künftig sollen sekündlich mehrere tausend Transaktionen verarbeitet werden können. Die Weitung des Flaschenhalses wird nach dem Willen der Entwickler auch die horrenden Transaktionsgebühren (Gas Fees) von Beträgen um die 50 USD auf eine akzeptable Höhe drücken.

Technisch werden dafür Layer-2-Lösungen eingesetzt, mit deren Hilfe der Datenverkehr auf Seitenchains umgeleitet wird, um die Blockchain zu entlasten. So wird Ethereum für mehr Menschen attraktiv, seine Nutzerfreundlichkeit steigt durch die höhere Skalierbarkeit.

Und die Miner?   

Wenn die Blockchain ab jetzt weder die Hochleistungsrechner noch diejenigen, die sie eingesetzt haben, benötigt, was passiert mit den Minern und mit ihrem Equipment? Naheliegend wäre es, die Computer zu veräußern und die Veräußerungsgewinne ins Staking zu stecken. Da die hoch performanten Grafikkarten im Gamerbereich gesucht sind, lassen sich gute Preise erzielen. Der Chipmangel kombiniert mit Lieferengpässen lassen die Hardware noch begehrter erscheinen. Ob die Miner einfach auf eine andere Kryptowährung umschwenken, ist hingegen weniger realistisch.

Fazit: Nicht nur die Vorteile sehen

Das dickste Plus verbucht Ethereum mit der extremen Reduktion des Stromverbrauchs auf seiner Habenseite. Es nimmt den Krypto-Gegnern ein wichtiges Argument und damit eine Menge Wind aus den Segeln. Skalierbarer, schneller und kostengünstiger für die Teilnehmer wird die Blockchain ebenfalls. Wobei Teilnehmer zunächst einmal diejenigen sind, die den hohen Einstiegspreis von 32 ETH aufbringen können und höhere Chancen einen Block zu validieren besitzen. Das könnte zu dem theoretisch möglichen Nachteil führen, dass Exchanges und andere mit bedeutendem Ether-Vermögen den Löwenanteil an Blöcken validieren und die „Kleinen“ nicht mehr zum Zug kommen. Die Zeit wird zeigen, ob die Erwartungen und/oder Befürchtungen eintreffen.

Apropos Zeit: Auch nach „The Merge“ ist das Projekt Ethereum noch längst nicht abgeschlossen. Zunächst müssen die Staking-Rewards (Belohnungen fürs Staken) ausgezahlt, die Blockchain auf die Skalierbarkeit und erhöhte Transaktionsgeschwindigkeit vorbereitet, wodurch die Transaktionskosten gesenkt werden. Eine gibt eine Menge zu tun, auch nach dem historischen 15. September.